Unterrichtsplanung in Phasen nach Jochen Grell

0

Als Erwachsene denken wir manchmal an die Schule zurück und es fällt uns zu den Lehrmethoden häufig nichts anderes ein, als der Frontalunterricht, den wir erlebt und mitunter erlitten haben. Seit den Siebzigern hat sich jedoch so einiges getan.


Einer der ersten, die Unterricht neu und didaktisch sinnvoller gestalten wollten und dies auch in die Praxis umzusetzen vermochten , war Jochen Grell. Er etablierte ein Phasenmodell für Unterrichtsplanung, das auf den Ergebnissen einer amerikanischen Studie beruht und das man getrost als Anleitung für engagierte Lehrer verstehen kann. Heute arbeiten viele Lehrer nach diesem Modell, weil es sich über die Jahre als sinnvoll und didaktisch effektiv erwiesen hat.

Was ist das Phasenmodell?

Grell geht davon aus, dass man als lehrende Person das richtige zur richtigen Zeit anbieten muss, damit Schüler die Möglichkeit bekommen, erworbenes Wissen schnell in die Praxis umzusetzen und so eine Lernschleife aus Lernen und Machen entsteht. Ein Phasenmodell bedeutet in diesem Zusammenhang Struktur. Dem Lehrer wird so zu sagen eine Schritt-für-Schritt-Anleitung gegeben, um die didaktische Idee umsetzen zu können, die hinter dem Modell steht.

Grells Methode des Unterrichtens stellt hierbei eine Art Hybrid dar: auf einer gedachten Skala zwischen striktem Frontalunterricht und konstruktivistischem Lernen nach Jean Jaques Rousseau befindet sich Grell in der Mitte. Er setzt auf aktives Lehren und das Begleiten beim Ausprobieren in einer späteren Phase. Es wird also nicht lediglich der Rahmen für Selbsterfahrung gesetzt, sondern die eigenen Erfahrungen des Schülers finden erst nach einem thematischen Input des Lehrers statt und werden von diesem fördernd begleitet. Nachfolgend werde ich die einzelnen Phasen des Lehrens nach Grell beschreiben und erläutern.

Was ist das Phasenmodell #1

Was ist das Phasenmodell #1

Phase 0: Vorbereitung

Es klingt zwar wie eine Binsenweisheit, aber gute Vorbereitung ist für ein Gelingen der Lehrveranstaltung unumgänglich. Es ist dabei unwichtig, ob man einen kurzen Vortrag hält, eine Unterrichtsstunde mit Inhalten zu füllen hat oder ein mehrtägiges Seminar veranstaltet. Nur wer voll im Thema steht ist dazu in der Lage, alle anderen Aspekte des Umgangs mit einer Gruppe von Menschen souverän zu handhaben.

Die Form der Vorbereitung ist dabei sehr individuell: über das unumgängliche thematische Konzept hinaus kann der Lehrer sich beispielsweise einer fixen Dramaturgie bedienen. Manche Menschen ziehen es vor, sich nur grobe Stichpunkte zu notieren oder frei zu agieren.

Man kann sagen, dass die Grenzen, die der Lehrer sich selbst steckt, mit zunehmender Erfahrung immer weniger definiert sein müssen. Gerade Anfänger im didaktischen Bereich sind aber gut beraten, einen genauen Plan zur Hand zu haben. Für alle gilt, dass die Inhalte sitzen müssen – anderenfalls können einen Störungen und unvorhergesehene Geschehnisse aus dem Konzept bringen und man hat keinen Spielraum mehr, auf die Dynamik der Gruppe einzugehen.

Phase 1: Atmosphäre

Wir Menschen lernen am besten und einfachsten, wenn wir uns wohlfühlen. Daher ist es ungeheuer förderlich, wenn es gelingt, eine entspannte und persönliche Atmosphäre zu etablieren. Natürlich ist wichtig, dass die Schüler eine genaue Vorstellung davon haben, mit wem sie es zu tun haben.

Darüber hinaus ist es häufig eine gute Idee, sich beim Einstieg in eine neue Lerneinheit selbst zu positionieren und persönliche Meinungen, Aspekte und Herangehensweisen offenzulegen, wobei dies mit Vorsicht geschehen muss, um die Einstellungen der Schülerschaft nicht unnötig zu manipulieren. Wissensvermittlung funktioniert am besten mit einem persönlichen Bezug. Ebenso ratsam ist es, Transparenz über die Lernziele und den Umfang der Inhalte zu schaffen, damit es den Schülern leichter fällt, sich zu orientieren.

Phase 2: Informierender Unterrichtseinstieg (IU)

Ebenso wichtig, wie die Informationen über die Inhalte und Lernziele der gesamten Lerneinheit kann es gegebenenfalls sein, die einzelne Unterrichtsstunde am Anfang zu strukturieren und klar zu definieren, wohin die Reise gehen soll und was am Ende gelernt worden sein muss. Mit anderen Worten: das Ziel und Stoff der Stunde sollen bekannt sein, um bessere Orientierung möglich zu machen.

Phase 3: Informationsinput

Erst an diesem Punkt setzt im Phasenmodell das ein, was den gesamten Inhalt einer Unterrichtsstunde im Frontalunterricht charakterisiert. An dieser Stelle wird den Schülern das mitgeteilt, was sie zum Lösen der späteren Arbeitsaufgaben brauchen.

In dieser Phase ist es wichtig, die richtige Balance zu finden aus der Gabe des Informationsanteils, der wichtig ist, um konstruktiv arbeiten zu können und dem Zurückhalten von Erkenntnissen, die unwichtig im Zusammenhang sind oder in der eigenen Arbeit ohnehin erworben werden sollen. Hier gilt es, alles mitzuteilen, was nötig ist aber nicht alles was möglich ist!

Anbieten von Lernaufgaben #2

Anbieten von Lernaufgaben #2

Phase 4: Anbieten von Lernaufgaben

Verschriftlichte Lernaufgaben stehen im Zentrum dieser Methode. Sie sind der Schlüssel dazu, den Stoff psychologisch und didaktisch sinnvoll zu vermitteln. Lernaufgaben können Einzel-, Zweier-, oder Gruppenaufgaben sein und sind elementare Bausteine im Werkzeugkasten der lehrenden Person. In dieser und der folgenden Phase des Unterrichts geschieht das eigentliche Lernen, das Ausprobieren und das Verinnerlichen des Stoffs.

Phase 5: Selbstständige Arbeit an Lernaufgaben

Diese Einzel- oder Gruppenarbeitsphase ist das Herz der Methode nach Grell. Während Schüler konzentriert arbeiten, steht der Lehrer für individuelle Fragen zur Verfügung, hilft schwächeren Schülern und stellt für alle den kompetenten Ansprechpartner dar. Der große Vorteil ist die Möglichkeit, dort zu helfen, wo geholfen werden muss und die eigenen Ressourcen gezielt und zweckorientiert einsetzen zu können.

Phase 6: Umstellungsphase

Diese Phase dient dazu, die Arbeit am Thema abzuschließen und den Kopf wieder frei zu bekommen. Ein angeordneter Platzwechsel, eine themenbezogene Geschichte oder dergleichen sorgen dafür, dass die Arbeitsphase zu Ende kommt und ein Separator gesetzt wird.

Phase 7: Feedback und Weitererarbeitung

Diese Phase des Unterrichts dient zur Integration des Gelernten in das Skillset der Schüler. Zuerst wird die Möglichkeit geboten, den erarbeiteten Stoff auf Richtigkeit zu prüfen. Der Lehrer gibt Rückmeldung zu den Ergebnissen und macht entsprechende Anmerkungen.

Etwaige Unklarheiten werden besprochen und möglichst aus dem Weg geräumt. Darüber hinaus ist es wichtig, in dieser Phase den Stoff auf Anwendbarkeit zu prüfen und die Inhalte in einen größeren Kontext zu stellen, um Bezugspunkte herauszuarbeiten und Korrelationen darzustellen. In diesem Teil der Unterrichtsstunde werden Transfermöglichkeiten erarbeitet und diskutiert.

Phase 8: Evaluation und Verschiedenes

Während Phase 7 sich mit den Inhalten und dem Stoff beschäftigt, ist Phase 8 dafür gedacht, den Prozess und die Unterrichtssituation selbst zu bewerten und zu reflektieren. Dies kann unter Zuhilfenahme eines Fragebogens geschehen.

Häufig reicht es aber auch, die Schüler nach ihrer Meinung zu fragen, um deren Feedback in die Planung weiteren Unterrichts einfließen zu lassen. Man kann dem Urteil der Schüler hier durchaus vertrauen – sie sind Experten im Lernen und haben häufig ein gutes Gespür dafür, ob eine Methode Sinn ergibt oder nicht.

Dieses Phasenmodell macht Unterricht sehr gut planbar und erleichtert durch die Kombination aus Theorie und Praxis den meisten Schülern das Erschließen des Wissens. Für alle, die darüber nachdenken, dieses Modell einmal zur Anwendung zu bringen gibt es eine grobe Checkliste, für welche Phase man wie viel Zeit einplanen sollte.

  • Phase 1: 1-5 min. Ohne Schauspielerei eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen.
  • Phase 2: 2-4 min. Was, wie und warum wird gelernt. Informativer Einstieg
  • Phase 3: 5-10 min. Wissen und Material für das selbstständige Arbeiten wird zur Verfügung gestellt.
  • Phase 4: ca. 5 min. Lernaufgaben werden vorgestellt, Anweisungen gegeben.
  • Phase 5: Je nach Zeitbudget. In der Einzel- und Gruppenarbeitsphase kann man sich etwas anderem widmen.
  • Phase 6: ca. 2 min. Die Aufmerksamkeit wird wieder auf die gesamte Gruppe gelenkt.
  • Phase 7: 5-10 min. Diskussion im Plenum oder ähnliches.
  • Phase 8: wenige Minuten zum Rückblick und zur Evaluation.

Bildnachweis: © fotolia Titel: contrastwerkstatt, #1: Robert Kneschke, #2: yanlev



Share.

Über Iris Martin

Iris Martin, Jahrgang bleibt ein gut gehütetes Geheimnis, ist Mutter zweier Kinder. Rabauke 1 und Rabauke 2 sind Wunschkinder ersten Grades, treiben ihre Eltern regelmäßig an den Rand der Verzweiflung und wissen sie von dort mit einem lieblichen Augenaufschlag wieder wegzuholen. Iris ist derzeit mit ihren beiden Jungs zu Hause, genießt das Leben als Vollzeitmami und hält das Chaos so im Rahmen. Neuen Herausforderungen stellt sie sich dabei gerne – immer gut gewappnet mit dem Wissen, das nur aktiv agierende Eltern haben können.

Leave A Reply