Kinderbetreuung: Braucht Deutschland die Kita-Pflicht?

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Vor nicht allzu langer Zeit wurde in Frankreich verkündet, dass die Schulpflicht bereits ab einem Alter von drei Jahren bestünde. Nun diskutiert Deutschland, ob die Kinderbetreuung hier verpflichtend werden sollte.

Kinderbetreuung nicht erwünscht: Die Kleinen bleiben zu Hause

Während es auf der einen Seite seit 2013 das Recht auf Kinderbetreuung gibt, möchten auf der anderen Seite viele Eltern dieses Recht gar nicht wahrnehmen. Rund sechs bis acht Prozent der Kinder werden zu Hause betreut. Auffällig ist, dass dies vor allem kleine Kinder bis drei oder vier Jahre betrifft. Je weiter die Zeit in Richtung Einschulung rückt, desto mehr Kinder finden sich in der Kinderbetreuung wieder. Das heißt, dass die Kinderkrippe für sie bereits rausfällt, auch die Tagesmutter kommt für ältere Kinder oft nicht mehr infrage.

Der klassische Kindergarten wird gewählt, in dem die Kleinen lernen sollen, in einer Gruppe zurechtzukommen und sich den Anordnungen der Erzieher unterzuordnen. Viele Eltern sehen darin einen Nutzen im Hinblick auf den baldigen Schulbesuch, denn auch dort sind derartige Kompetenzen bei den Kleinen gefragt. Das Bundesfamilienministerium sieht diese Verfahrensweise ebenso zweigeteilt, wie auch Pädagogen nicht immer einig sind.

Ist es besser für das Kind, bis mindestens zum dritten Lebensjahr bei der Mutter bzw. in der Familie zu bleiben und eventuell dort von einem Babysitter betreut zu werden? Oder ist es besser, die Fremdelphase, die ungefähr mit 18 Monaten einsetzt und bis zum dritten Lebensjahr dauert, schon unter Aufsicht von Pädagogen und Erziehern zu verbringen?

Gründe dafür, dass die Kleinen nicht in die Kinderbetreuung gegeben werden, sind für Eltern unter anderem diese:

  • Ein Elternteil befindet sich in Elternzeit und möchte diese Zeit exklusiv für das Kind nutzen.
  • Es wird davon ausgegangen, dass die familiäre Betreuung kompetenter ist.
  • Es herrscht Unzufriedenheit mit der Betreuung in der Kita.
  • Es fehlen Erzieher und pädagogische Kompetenzen.
  • Kinder werden in vielen Kitas nur beaufsichtigt und nicht angeleitet.
  • Das Kind fühlt sich unter anderen Kindern noch nicht wohl.
  • Das Kleine ist in seiner Entwicklung noch nicht weit genug und soll eine individuelle Förderung zu Hause erhalten.

Alle Eltern haben ihre eigenen Gründe, warum sie den Nachwuchs (noch) nicht in die Betreuung geben wollen und der Erziehungsaufgabe lieber allein nachkommen. Nun stellt sich aber die Frage, ob eine Kita-Pflicht in Deutschland wirklich Sinn machen würde, wenn viele Eltern sich in der Lage sehen, das Kind selbst ausreichend zu betreuen und zu fördern. Darf das Bundesfamilienministerium etwas fordern, das Eltern nicht wünschen? Wer hat hier die Entscheidungskompetenz über das Wohl des Kindes?

Es dürfte hinlänglich bekannt sein, dass die Zustände in der Kinderkrippe oder im Kindergarten nicht in Ordnung sind.

Es dürfte hinlänglich bekannt sein, dass die Zustände in der Kinderkrippe oder im Kindergarten nicht in Ordnung sind.(#01)

Verbesserung der Kinderbetreuung als wichtige Aufgabe

Es dürfte hinlänglich bekannt sein, dass die Zustände in der Kinderkrippe oder im Kindergarten nicht in Ordnung sind. Es regnet draußen? Die Kinder bekommen eine DVD eingelegt und sind damit „ruhiggestellt“. Draußen toben die Kleinen allein, es werden keine Spiele gespielt oder Anleitungen zu Neuem von den Erziehern gegeben.

Gemeinsame Bastelstunden beschränken sich auf Handlagertätigkeiten durch die Kinder, den Großteil der Basteleien erledigen die Erzieher, weil sie damit schneller sind. Wer nun meint, dass diese Aussagen nur Schwarzmalerei wären, irrt sich leider gewaltig, denn sie sind Alltag in vielen Kindertagesstätten. Nach außen hin wird Kompetenz suggeriert, innen sieht es aber ganz anders aus.

Kommt dann noch ein Mangel an Erziehern dazu und stimmt der Betreuungsschlüssel vorn und hinten nicht, wissen sich viele Erzieher nicht mehr anders zu helfen und suchen nach Möglichkeiten, die wilde Bande möglichst einfach ruhig zu halten oder für sich beschäftigt zu wissen. Dass das nicht in Ordnung ist und nichts mit einem Erziehungsauftrag zu tun haben kann, ist allen Beteiligten klar.

Doch angesichts fehlender Gelder und damit auch fehlendes Personals ist die Verbesserung der Situation nicht leicht. Nun hat die Bundesregierung ein mit 5,5 Mrd. Euro gefördertes Kita-Gesetz beschlossen, das der Verbesserung der Kinderbetreuung dienen soll. Das Gesetz soll ein Anfang sein und dazu führen, dass mehr der heute noch zu Hause betreuten Kinder von drei bis sechs Jahren in die Kitas gegeben werden.

Allerdings muss an dieser Stelle auch gesagt werden, dass viele der Kinder, die zu Hause betreut werden, nicht aus guten Gründen dort bleiben. Es handelt sich häufig auch um Kinder mit Migrationshintergrund oder mangelnden Sprachkenntnissen. Auffällig ist, dass viele der Eltern dieser Kinder über eine mangelnde Bildung verfügen oder über ein niedriges Einkommen.

Video: Kinderbetreuung: 24-Stunden-Kitas | DIE REPORTAGE | NDR


Diesen Kindern soll mit der Verpflichtung zur Kinderbetreuung die Chance auf einen besseren Lebensweg gegeben werden. Sie würden von dem Beisammensein mit anderen Kindern profitieren, wachsen in unsere Kultur anders hinein und werden im Rahmen der Inklusion gesondert gefördert. Sie hätten die Chance auf mehr Bildung und damit später bessere Chancen am Arbeitsmarkt, so die Argumente. Es ist nachgewiesen, dass die wichtigsten kognitiven und nicht-kognitiven Fähigkeiten im Kindergartenalter erworben werden. Mit dem Eintritt in die Grundschule und damit in die hiesige Schulpflicht ist es für das Erwerben wichtiger Fähigkeiten dieser Art bereits zu spät.

Möglich ist natürlich die Förderung dieser Kinder durch individuelle Angebote. Ein Babysitter, der sich nur um eines oder zwei Kinder kümmert oder die Tagesmutter, die Kinder in Gruppen von bis zu fünf Personen betreut, kann ebenfalls ein hohes Maß an Förderung garantieren. Vorausgesetzt, diese Person stammt nicht aus einem ganz anderen Fachbereich und verdient sich ungelernt ein wenig Geld dazu, indem sie auf Kinder anderer Leute aufpasst. Kompetenz sei einmal vorausgesetzt, um die Aussage wahr werden zu lassen, dass die Förderung der nicht in der Kita betreuten Kinder durchaus möglich sei.

Nicht vergessen werden darf an dieser Stelle der Kostenaspekt: Angesichts des sozialen Ansatzes und der Berechnung der Kita-Gebühren anhand des Einkommens der Familie sehen sich viele Mehrverdiener bei der Kinderbetreuung benachteiligt. Sie stützen mit ihren hohen Beiträgen die Betreuung der Kinder aus einkommensschwachen Familien. Bis zu einem gewissen Maß ist dies auch in Ordnung und wird nicht moniert. Wenn aber einkommensstärkere Familien generell die Förderung fremder Kinder stützen sollen und sich der Staat mehr und mehr aus der Affäre zieht, ist das Gefühl der Benachteiligung durchaus zu verstehen.

Es handelt sich häufig auch um Kinder mit Migrationshintergrund oder mangelnden Sprachkenntnissen.

Es handelt sich häufig auch um Kinder mit Migrationshintergrund oder mangelnden Sprachkenntnissen.(#02)

Grenzen der Pflicht zur Kinderbetreuung

Es ist nur allzu verständlich, dass sich viele Eltern in ihrem Recht auf Entscheidung über das Wohl ihrer Kinder beschnitten sehen, wenn sie einer Kita-Pflicht nachgeben müssten. Nur, weil ein Fachbereich im Ministerium entschieden hat, dass Kinder in die Kita gehen müssten, sollte dem nachgegeben werden? Das Entscheiden über die Köpfe der Bürger hinweg nähme damit neue Züge, die sicherlich nicht bei jedermann zu Verständnis führen würden.

Ein Problem gäbe es dennoch: Die frühkindliche Bildung müsste deutlich überarbeitet werden, das heißt, dass viel mehr wirklich kompetente Erzieher gefragt wären. Dies wiederum würde noch einmal viel mehr Geld kosten. Außerdem ist das Raumangebot in vielen Kitas mehr als beschränkt, wenn hier noch mehr Kinder zwangsweise betreut werden müssten, würden diese Einrichtungen über ihre räumlichen Grenzen hinausgehen müssen.

Des Weiteren ist die private Betreuung zu betrachten: Sie ist zwar eine Alternative, doch wer aufgrund Raum- und Personalmangels in einer staatlichen Kita keinen Betreuungsplatz bekommt, kann nicht zu einer privaten und viel teureren Betreuung gezwungen werden. Die Forderung nach einer Kita-Pflicht ist der falsche Weg, vielmehr müssten die vorhandenen Angebote deutlich attraktiver werden.

Weitaus sinnvoller dürfte es sein, Kinder bestimmter Bevölkerungsgruppen der Verpflichtung eines Kita-Besuchs zu unterziehen. Kinder mit Sprachschwierigkeiten sollten an einer Sprachförderung teilnehmen müssen. Ob diese sich aber im Rahmen einer Ganztagsbetreuung umsetzen ließe, sei an dieser Stelle zu bezweifeln. Die sprachlichen Fähigkeiten werden vor dem Eintritt in die Grundschule überprüft, in vielen Bundesländern muss beispielsweise eine Sprachstandsfeststellung vor der Anmeldung zum Grundschulbesuch durchgeführt werden.

Video: Welche Chancen haben unsere Kinder? – Ungleichland (2/3): Chancen | WDR Doku

Wer hier auffällig ist, muss an einer entsprechenden Fördermaßnahme teilnehmen. Wer sich verweigert oder auch nach der Förderung nicht ausreichend gut spricht, wird ein Jahr zurückgestellt. In Berlin ist es sogar so, dass die Kinder, die keine Kita besuchen, einen derartigen Test durchführen müssen. Bestehen sie diesen nicht, sind sie dazu verpflichtet, für mindestens 18 Monate eine Kita zu besuchen. Allerdings hat der Senat auch festgestellt, dass sich viele Familien dieser sprachlichen Testung verweigern.

Der Weg zu einer besseren Bildung führt daher nicht über die Zwangsbetreuung der Kinder in Kitas, sondern über ein Umdenken. Eltern müssen die Notwendigkeit der frühkindlichen Förderung erkennen, der Staat muss die dafür nötigen Mittel für die Kinderbetreuung bereitstellen. Es braucht mehr Erzieher und Pädagogen, die auch bereit sind, sich auf Sonderfälle einzustellen.

Inklusion darf nicht nur heißen, weniger leistungsfähige Kinder zu fördern, sondern sollte sich auch auf Hochleister beziehen. Daraus folgt wiederum, dass es nötig ist, die Kinder als Individuen zu fördern und nicht eine pauschale Empfehlung zur Betreuung in einer Kita zu geben, die bis dato personell schlecht aufgestellt ist und schon allein aus diesem Grund gar nicht in der Lage ist, dem Bildungsauftrag zu folgen.


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Über Rebecca Liebig

Rebecca Liebig

Rebecca Liebig ist gerade im achten Monat schwanger. Voller Vorfreude auf ihr Baby genießen sie und ihr Mann die spannende Zeit. Von der ersten Übelkeit bis hin zu den Bewegungen ihres Mädchens halten sie alles fest. Schließlich möchte man sich später ja auch an diese Zeit erinnern. Bei der Planung des Kinderzimmers gehen die Vorstellungen zwar auseinander. In einem sind sich Rebecca und ihr Mann jedoch einig: Die aufregende Zeit wollen sie so richtig genießen. Rebecca plant, drei Jahre mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Auch ihr Mann möchte zwei Monate Elternzeit nehmen.

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