Beluga School for Life gescheitert

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Am 16.11.2014 meldete die TAZ, dass ein soziales Vorzeigeprojekt des Bremer Ex-Reeders Niels Stolberg leider gescheitert ist: Die Beluga-School for Life, ein Hilfsprojekt in Südthailand, musste ihre Arbeit einstellen. Niels Stolberg hatte das Projekt nach dem fürchterlichen Tsunami von 2004 im Jahr 2005 gegründet. In der Beluga School for Life fanden über 130 Kinder ein Zuhause. Möglich wurde das durch üppige Zuwendungen der vormaligen Beluga-Reederei und durch private Spenden. Doch die Beluga-Reederei ist pleite, damit versiegte die Hauptgeldquelle. Die übrigen Spender waren nicht bereit, das Hilfsprojekt weiterzufinanzieren.

Schwierige Spenden-Akquisition

Die letzte Geschäftsführerin des engagierten Vorhabens war Silke Nagel. Die ehemalige Bremer Gefängnisdirektorin hatte sich persönlich bei den Spendern für eine Fortführung der Arbeit in Thailand stark gemacht. Silke Nagel ist die Ehefrau des ehemaligen Bremer Wirtschaftssenators Ralf Nagel, der inzwischen Chef des Hamburger “Deutschen Reederverbandes” ist. Das Ehepaar verfügt über exklusive Verbindungen in die maritimen Unternehmen der Hansestadt, wo potenzielle Geldgeber sitzen. Nachdem Silke Nagel die Geschäftsführung des Schulprojekts übernommen hatte, verlegte sie den Firmensitz weg von Bremen nach Hamburg in die noble Rothenbaumchaussee. Dort überließen ihr die Besitzer kostenlos eine Beletage im Gründerzeithaus. Ob dieser Auftritt zu einem sozialen Hilfsprojekt passt, mag dahingestellt bleiben. Doch Frau Nagel ging noch weiter mit ihren Innovationen. Sie änderte 2011 den Namen von “Beluga School for Life” in „Hanseatic-School for Life“ (HSfL). Möglicherweise fanden das verbliebene Großspender gar nicht gut. Mehr noch: Der Name des Gründers Stolberg verschwand von der neuen HSfL-Homepage. Alsbald kürzten die beiden Hauptsponsoren aus Bremen ihre finanziellen Zuwendungen sehr deutlich. Der Geschäftsführer der Bremer Lürssen Werft Peter Lürßen war einer der Großsponsoren, er reduzierte sein Engagement auf eine Patenschaft.

Wer ist Niels Stolberg?

Der 53-jährige Unternehmer wurde im Jahr 2006 zum “Unternehmer des Jahres” in Bremen gewählt, er galt als renommiertester Neu-Reeder der Hansestadt. Zuvor hatte er die Beluga Shipping GmbH gegründet, deren Gesellschafter er wurde, die aber Ende 2011 in die Insolvenz ging. Auch Stolberg ging im gleichen Jahr in die Privatinsolvenz. Das war noch nicht der ganze Schaden, denn die Staatsanwaltschaft ermittelt seit seiner Insolvenz gegen ihn wegen schweren Betrugs. Die Ermittlungen erstrecken sich noch auf weitere Angestellte seiner Reederei. Schwerer für das Sozialprojekt wiegen möglicherweise Ermittlungen wegen einer möglichen Veruntreuung von Spendengeldern für die „Beluga-School for Life“. Aktuell engagiert sich Stolberg im Unternehmen Green Sailing GmbH, das mit der Entwicklung umweltschonender Hightech-Segelschiffe befasst ist. Einer seiner gegenwärtigen Kollegen, der OHB-Vorstand Marco Fuchs, äußerte sich auf Anfrage zum Sponsoring für die thailändischen Tsunami-Opfer ausdrücklich nicht. Es gab auch drei Hamburger Kaufleute, welche die HSfL mit insgesamt 1,5 Millionen Euro unterstützen wollten. Diese Summe hätte für 2,5 Jahre gereicht, denn der Monatsbedarf liegt bei rund 47.000 Euro. Hinzu wären 500.000 Euro gekommen, die schon gespendet worden waren, die aber Niels Stolberg im Dezember 2009 vom Konto des Hilfsprojekts auf ein Reedereikonto umbuchte, weil sein Unternehmen schon rote Zahlen schrieb – ein klarer Fall von Veruntreuung. Dieses Geld war durch den RTL-Spendenmarathon hereingekommen. Deswegen ermittelt jedoch die Bremer Staatsanwaltschaft nicht mehr gegen Stolberg, weil dieser wegen des schweren Betrugs mit einer weitaus höheren Strafe rechnen muss. Die HSfL-Geschäftsführerin Silke Nagel hatte damals übrigens einen Gutachter beauftragt, der keine Verfehlungen feststellen wollte – die doch augenscheinlich auf der Hand liegen. Der Fernsehsender RTL wirbt indes ungerührt weiter für seinen Spendenmarathon, von dem “jeder Cent ankommt”. Einen Imageschaden für RTL gab es nicht.

Wie endete das Hilfsprojekt?

Silke Nagel war weiter auf Sponsorensuche gegangen, allerdings ohne großen Erfolg. Ein neues Spendenkonzept warb per Newsletter damit, anstelle von Designermöbeln doch lieber ihr Hilfsprojekt zu finanzieren. Dabei wurde auch eine konkrete Summe genannt, 10.800 Euro sollten die angeschriebenen potenziellen Sponsoren für eine dreijährige Schulpatenschaft spenden. Durchschnittsverdiener fühlten sich davon jedenfalls nicht angesprochen. Schließlich war auch auf der HSfL-Homepage das Ende abzusehen, denn in den letzten Monaten hatte der Verein von einem Besuch der Hanseatic-School for Life in Thailand abgeraten. Solche Besuche sind allerdings zumindest für Großsponsoren der übliche Weg, um sich von der Wirksamkeit einer Spende zu überzeugen. Auf der Webseite war indes zu lesen, man befände sich derzeit in der “Umstrukturierung” und könne daher keine Besucher beherbergen. Dennoch hatte der neue Manager Christian Buerckel noch im Sommer 2014 Gerüchte um eine Schließung der Schule brüsk zurückgewiesen. Nun übernehmen vorläufig die thailändischen Behörden die Schule, was Silke Nagel nicht weiß oder ausblendet. Sie spekulierte erst kürzlich darüber, wie man die Kinder wohl auf andere Schulen verteilen könne. Dass sie das Projekt nicht so schnell loslässt, das sie aktuell abwickeln soll, leuchtet ein. Sie wurde als Beamtin des Bremischen Staatsdienstes mit vollen Bezügen für das Hilfsprojekt abgestellt. Was sie nach der endgüligen HSfL-Schließung machen wird, möchte sie gegenwärtig nicht mitteilen.

Wie war die Beluga-School for Life tätig?

Das Bremer Projekt half im Süden Thailands Kindern und Jugendlichen, deren Familien vom Tsunami 2004 betroffen waren. Die Wirkung der Beluga-School for Life wurde weltweit beachtet. Sie unterhielt seit 2006 feste Wohnhäuser, es gab einen Kindergarten und eine Schule. Das Hilfsprojekt wurde immer weiter ausgebaut. Die Anlagen befinden sich bis heute auf dem Gelände einer ehemaligen Kokosplantage im Dschungel, die Sandstrände von Khao Lak sind etwa 20 km entfernt. Die Kinder und Jugendlichen fanden im kleinen Dorf ein neues Zuhause inmitten einer sehr schönen und ruhigen Umgebung. Dort konnten sie behütet aufwachsen. Sie erhielten Schulunterricht und am Nachmittag Angebote für verschiedene Projekte, darunter eine eigene Buchdruckerei mit eigener Papierherstellung, eine Nähwerkstatt, eine Bäckerei und diverse Sportangebote wie Fußball oder Thaiboxen. Deutsche Nachwuchstrainer – unter anderem von Werder Bremen – flogen nach Thailand und unterrichteten sie im Fußball. Weitere Bestandteile des Projekts waren neben Schule und Kindergarten ein Sportplatz, ein Museum und mehrere Werkstätten. Auf eigenem Farmland konnten sich die Insassen dem organischen Gemüse- und Obstanbau sowie der Viehzucht widmen. Die Selbstversorgung mit Lebensmitteln und deren Verkauf auf Märkten gehörte zu den Zielen des Projekts. Der Ruf der Beluga-School for Life war weltweit hervorragend, es gab Anfragen aus anderen Staaten zwecks Übernahme des Konzepts. Sponsoren konnten auf dem Gelände in 18 stilvoll eingerichteten Bungalows übernachten und sich dann für eine Patenschaft entscheiden. Es ist sehr bedauerlich, dass dieses großartige Vorhaben auf die beschriebene Weise endete. In diesem Video ist das Projekt noch einmal zu besichtigen.


Bildnachweis; © freeimages.com – paul vlint



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Über Rebecca Liebig

Rebecca Liebig ist gerade im achten Monat schwanger. Voller Vorfreude auf ihr Baby genießen sie und ihr Mann die spannende Zeit. Von der ersten Übelkeit bis hin zu den Bewegungen ihres Mädchens halten sie alles fest. Schließlich möchte man sich später ja auch an diese Zeit erinnern. Bei der Planung des Kinderzimmers gehen die Vorstellungen zwar auseinander. In einem sind sich Rebecca und ihr Mann jedoch einig: Die aufregende Zeit wollen sie so richtig genießen. Rebecca plant, drei Jahre mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Auch ihr Mann möchte zwei Monate Elternzeit nehmen.

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